Kennst du das auch: „Wir werden alt“  -  Vom Erwachsenwerden, der Vergänglichkeit & der Grundvoraussetzung für mehr Selbstbewusstsein 

Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich einen kleinen Vergänglichkeitstick habe. Nicht, dass ich mich zu der Kategorie Frau zählen würde, die man nicht nach ihrem Alter in Zahlen fragen darf. Meist muss ich sogar überlegen, wenn mich jemand darauf anspricht. Ich gestehe zwar, dass ich seit meinem 13 Lebensjahr eine Anti-Aging Augencreme für 399 € /100 ml benutze, aber das hat weniger mit ihrer Wirkungsweise auf meine nichtvorhandenen Falten als vielmehr mit der Cremekonsistenz selbst zu tun..

 

Mal ehrlich, wenn ihr über 20 seid, kennt ihr es doch auch, dieses Gefühl... Irgendwie werden wir erwachsen. Man feiert nur noch jedes zweite Wochenende und nur halb so wild - ich gestehe, ich war nie eine Partybiene und feiere bis heute nicht - und man beginnt herzerwärmt über Kindheitsserien, -Spiele und -Stars zu philosophieren, sobald man andere 90s Kids antrifft: Britney Spears, Tamagotchi, Sailor Moon, Pokemon, Weihnachtsmann und Co KG (ok das schaue ich heute noch gerne), Game Boy, mein geliebter Gameboy ...

Wie gerne schwelge ich in diesen Erinnerungen: Bei Sommerregen über die Straße tanzen...

Ehrwürdig die Überreste verunglückter Katzenopfer auf dem garteneigenen Tierfriedhof zu bestatten, wagemutig im Garten zelten, natürlich nur bei geöffneter Gartentür, sich ein „Lager“ aus Karton, Decken und Kissen bauen, einen eigenen Teich im Garten buddeln und mit Fischen besiedeln, die nach spätestens zwei Tagen leider vertrocknet am Erdboden vorzufinden sind (ich gab mein Bestes, aber Mülltüten werden niemals eine professionelle Teichschale ersetzen)

Jaja lang ist das her...

Erst wollten wir doch alle möglichst schnell älter werden. Wie hat man dem 18. Geburtstag entgegengefiebert?

Endlich erwachsen! Keiner kann dir mehr etwas vorschreiben, Führerschein usw. usw.

Ich glaube mit 19 habe ich das erste Mal gedacht: "So könnte das jetzt bleiben."

Natürlich freut man sich auf den runden 20. Geburtstag aber 19 war schon eine feine Nummer. Volljährig aber noch knackiger Teen.

 

Vielleicht bin ich auch einfach vorgeprägt. Eine Biolehrerin hatte uns einmal erklärt, dass auf den Tag genau mit Beginn des 21. Lebensjahres im Körper verschiedene Prozesse einsetzten. Ab diesem Zeitpunkt befinden wir uns nicht mehr im Aufbau, sondern es geht langsam aber stetig bergab.

Darüber habe ich immer viel nachgedacht. Dabei ist es ein Gedanke, den man nicht zu Ende denken sollte. Am Ende steht immer das Ende...

Ich will hier nicht panisch werden oder mir den Kopf über meine Testamentseröffnung zerbrechen. Darauf zielt doch dieser Post nicht ab. Aber ich denke, wir alle kommen irgendwann in das Alter, indem man erstmals einen retrospektiven Blick wagen darf.

Man hat immer mehr Freundinnen die plötzlich - oh mein Gott - heiraten (ok bisher sind es nur die orthodox christlichen) und Kinder bekommen. Kinder ? Was ? Whaaaaaaaa!!!!! Kinder- das war immer mein absolutes Schockthema. Schock ist es zwar so allmählich nicht mehr, aber trotzdem ganz ganz ganz weit weg auf einem anderen Planeten.

 

Wo ist die Zeit hingerannt?

Was hatten wir für wilde Träume?

Wir waren uns alle so sicher, einmal ganz ganz groß zu werden. Die Größten und die Tollsten!

Wir waren uns so sicher. Das stärkste Urvertrauen in eine positive Zukunft und dann...

Und dann kommt einem der Ernst des Lebens dazwischen. Bei mir war das ziemlich genau mit dem Ende meiner Schulzeit.

Ich finde in der Schule werden wir leider überhaupt nicht auf die Realität vorbereitet. Vielmehr sind Schulen ein kleiner gut behüteter Mikrokosmos. Ihr, die ihr noch die Schulbank drückt, könnt euch beschweren wie ihr wollt. Wie hart es ist zu pauken und jeden morgen früh aufzustehen. Ich verspreche euch, ihr werdet diese Zeit noch so sehr vermissen. Eine Zeit, in der ihr in einem festen System eingebunden seid und immer jemanden habt, der auf euch aufpasst. Die Familie ist essentieller Anker. Eure Eltern koordinieren alles, Dinge, von denen ihr keine Ahnung habt.

 

Vielleicht sollten wir uns viel öfter an unsere kindlichen Träume erinnern. Vielleicht zielen alle weisen Sprüche der Kategorie  „Behalte dir das innere Kind aufrecht“ genau darauf ab.

Ich glaube mit einem gesunden Vertrauen in die Zukunft erlangt man Vertrauen in seine eigene Person. Natürlich wurden wir (zu) oft verletzt und vom Leben gebeutelt. Wir sind nicht umsonst misstrauisch geworden. Am Idealtsten wäre es eigentlich, man könnte alle schlechten Erinnerungen einfach aus unseren Köpfen löschen, um unbefleckt und positiv ins Morgen schauen zu können. Hätten wir nie Enttäuschung kennengelernt, würden wir sie gar nicht erwarten, vielleicht gar nicht als solche wahrnehmen.

Das gehört leider auch zum Älterwerden: Wir werden enttäuscht.

Wir lernen Menschen kennen, an die wir hohe Erwartungen haben und werden merken, dass sich diese nicht bestätigen. Wir werden Menschen begegnen, die uns bewusst verletzten und wir werden uns davon bestenfalls nicht brechen lassen.

Egal was kommt, werden wir durch all das immer mehr der Mensch werden, der wir wohl sein sollen. Mit den Jahren wächst unsere Persönlichkeit und wahrscheinlich ist das alles doch genau der vorbestimmte Lebensweg.

 

Ich frage mich oft, ob ich zu sehr an meiner Vergangenheit hänge. Vielleicht liegt die Ursache dafür darin, das in den Lebensjahren 13-18 ziemlich viel in meiner Familie kaputt gegangen ist und ich der heilen Welt meiner frühen Kindheit hinterher trauere. Die rationale Erkenntnis diese Zeit niemals zurückholen zu können, betrübt mich, da bin ich ehrlich. Vielleicht ist es ja aber auch gut, sich oft daran zu erinnern.

Ich habe einmal gelesen, wie wichtig es ist, sich alte Fotos anzuschauen. Unser Gehirn ist von Natur aus darauf ausgerichtet, sich bevorzugt negative Erinnerungen einzuprägen, um daraus zu lernen und zukünftig potentielle Gefährdungen unseres Wohlergehens zu vermeiden. Dadurch erinnern wir uns grundsätzlich eher an negative als an positive "unwichtige" Dinge. Ihr vergesst so viele schöne Momente eurer Lebensgeschichte, wisst aber immer wie beschissen es euch ging als ihr einen Napf Katzenfutter gefressen habt oder eine schwingende high-speed Schaukel an den Kopf bekommen habt (mir beides passiert -->  Situation 1:  Magen auspumpen; Situation 2 : Gehirnerschütterung die 27.)

 

Wie wäre es heute Abend also mal mit Kinderfotis schauen? Ich bin mir sicher ihr werdet schmunzeln und mit einem wohlig warmen Gefühl ins Traumland sinken ;)

 

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Kommentare: 11
  • #1

    Jenny (Freitag, 11 Dezember 2015 15:28)

    Das hast du so wunderschön geschrieben und es regt so unglaublich zum Nachdenken an - ich hab sofort an meine Kindheit gedacht und wirklich nur die schönen Momente in Erinnerung gerufen! Danke dafür!!

  • #2

    kiwiTheCat (Freitag, 11 Dezember 2015 18:19)

    wundervollst honey...wundervollst..nur etwas zu negativ besetzt meiner meinung ...kind du bist noch so jung und sprichst als sei dein leben morgen zuende...um gottes willen...gern erinnert man sich an seine kindheit...aber doch auch da war alles nich rosig...vor einbruch der dunkelheit zuhausen sein...gameboy weg weil sonst viereckige augen etc...ich glaub die zeiten sind immer nur dann besonders schön im rückblick...wenn man weiser zurückblicken kann als man zu der zeit selbst war... ich finde wir sollten viel lieber dinge erneut zum leben erwecken und uns mit unsererem weiseren blick fürs wesentliche daran erneut erfreuen...klar wird vieles nich mehr so sein wie es damals war...aber wer sagt das wir uns auch heute nich mitm gameboy in den ohrensessel kuscheln,höhlen bauen und auf bäume klettern können...warum machen das erwachsene eigentlich nich mehr? das is ein ewiges rätsel...fangen wir heute gleich an...mit haisocken und dicker bommelmütze das alte tamagotchi rausgekramt und bei ner heissen tasse schoki einfach wieder mit den gedanken 20jahre zurück

  • #3

    Julia (Freitag, 11 Dezember 2015 20:50)

    @Jenny vielen Dank für dein Feedback. Genau das wollte ich bezwecken. Einfach mal den Alltag anhalten und zurück an die unbeschwerte Kindheit denken <3

  • #4

    Julia (Freitag, 11 Dezember 2015 21:00)

    @kiwiTheCat Lieber Kobold...ok lassen wir das...ich musste so lachen, als ich deinen Kommentar gelesen habe. Wieder typische Aika-Juli Diskussion. Aber recht hat sie einfach immer die Akia. Meine Güte, ich nenne dich ab jetzt nur noch Mutti.
    Das mit den viereckigen Gameboyaugen war natürlich schon eine ganz miese Nummer :D
    Ist tatsächlich so, dass im Nachhinein aller Trouble meist gar nicht so wild scheint. Was zeigt uns das? Im Morgen werden wir auch über die Nörgeleien und Sörgchen von heute schmunzeln können und das ist doch mal ein netter Zukunftsgedanke :)
    Ich bin übrigens letztes Jahr ganz wagemutig mit selbstgebastelter Laterne zum Laternenumzug aufgebrochen. Cool, nich wahr?! Für sowas ist die Juli immer zu haben.
    Tamagotchi Abendplanung gefällt mir ganz wundervollste. Wäre mein Gameboy nicht verschollen (bitte, ich heule !!!) wüsste ich auch wie ich mir die nächsten Stunden um die Ohren schlagen würde ;)

    P.s. Weihnachtsmann oder Gott oder sonst wer, wenn du das ließt bitte, bitte mach, dass mein gelber Gameboy wieder auftaucht, aber bitte mitsamt dem Pokemon Spiel!

  • #5

    Cynthia (aka keep_caring) (Samstag, 12 Dezember 2015 00:23)

    Du schreibst als würdest du mir teilweise aus meinen Gedanken schreiben. Besonders der Part über die Entwicklung der Persönlichkeit und dass wir durch all die Enttäuschungen und Erlebnisse erst zu dem werden, der wir vermutlich sein sollen, ist momentan bei mir auch so immens präsent... wir sollten also alles versuchen anzunehmen und gucken was es mit uns macht. Was es in uns verändert. Und nur dadurch, dass wir auch zurück blicken können und reflektieren können, können wir doch letztlich erst wirklich wachsen und an Weisheit dazu gewinnen... Also schätzen wir es neben all der Angst, das Leben nicht genug zu leben in der kurzen Zeit die wir vielleicht nur haben, einfach mal wert, dass wir Erinnerungen sammeln können und Momente niemals für immer gelöscht sind. Es kommen nur stetig neue dazu. Und am Ende haben wir ein Album voller Erinnerungen in unseren Herzen... und da erinnere ich mich an die Kindheit in der man Sammelhefte hatte und so stolz war, wenn es endlich voll war (...meine waren nie voll hahahha). Genauso sollten wir es mit dem Leben handhaben, stets froh darüber, dass Album mit neuen Erinnerungen und Lebensmomenten zu füllen... ein Leben lang, bis ins hohe Alter :)

  • #6

    Miss Polkadot (Dienstag, 15 Dezember 2015 10:18)

    Ein wirklich schöner und zum Nachdenken anregender Beitrag, dem ich sehr zustimme. Tatsächlich müsste man mich gar nicht erst anregen, in Gedanken über früher-heute-Zukunft abzutauchen, da ich dies ohnehin ständig tue. Mein Leben und wie ich dahin kam, wo ich heute bin, zu analysieren, ist eine sehr ausgeprägte Funktion meines Gehirns. Wie Du denke ich, dass wir oft stark die negativen Aspekte im Kopf behalten. Die, von denen wir uns im Nachhinein wünschen, wir hätten sie vermeiden können. Nur haben sie uns eben geprägt und der Fokus sollte darauf liegen, das Heute besser zu gestalten und anders zu reagieren. Was manchmal eben leichter gesagt als getan ist.
    Gerade im Bezug auf das Verhältnis zu bestimmten Personen hilft es aber sehr, wie du gesagt hast, alte Fotos anzuschauen. Es gab eben früher auch viele schöne Momente und so wird das auch mit zukünftigen 'früher', unserem jetzigen Leben, sein.

  • #7

    Julia (Mittwoch, 16 Dezember 2015 15:26)

    @Cynthia wundervolle Zeilen schreibst du da.
    Ja, ich gehörte auch zu der Kategorie halbvolle (nicht halbleere, wir sind Optimisten ;) ) Sammelhefte. Ich denke das Meiste im Leben ist doch tatsächlich Ansichtssache.
    Es ist wichtig sich seine Erinnerungen zu wahren, aus den weniger schönen zu lernen und aus den schönen Kraft für schlechte Tage zu ziehen...

  • #8

    Julia (Mittwoch, 16 Dezember 2015 15:31)

    @Miss Polkadot Es ist so großartig was hier für ein Feedback kommt mit immer neuen, meinen Text ergänzenden Kommentaren. Du sprichst von Beziehungen zu anderen Menschen. Ja, da fallen auch mir sofort drei, vier Personen ein...Menschen, die früher so wertvoll für mich waren und dann sind dumme Dinge passiert oder man hat sich im Rennrad des Alltags einfach aus den Augen verloren. Total schade eigentlich. Plötzlich merke ich, wie viel sie mir eigentlich noch bedeuten...denke ich muss heute Abend mal ein paar SMS verschicken/leibe Worte loswerden ;) DANKE DIR!!!

  • #9

    Kata (Samstag, 19 Dezember 2015 20:00)

    Liebste Juli,
    ich liebe deinen Blog und deine Darstellung auf Instagram. Aber was du über menschliche Erinnerung schreibst, spiegelt nicht den aktuellen wissenschaftlichen Stand wieder. Gesunde Menschen verfügen über den sogenannten "self-serving-bias". Das bedeutet, dass wir uns selektiv an positive Dinge erinnern, was z.B. unseren Selbstwert stabilisiert. Depressiv erkrankte Menschen verfügen nicht über diesen Bias, was das Insuffizienzerleben und das Gefühl der Wertlosigkeit, die zur Krankheit gehören, verstärkt.
    Ich wollte nicht klugscheißen, aber so viel habe ich mal in der Uni gelernt :)

  • #10

    Julia (Sonntag, 20 Dezember 2015 23:03)

    @Kata Nix Klugscheißern ! :P Ich bin immer total dankbar für solche Infos. Klingt ehrlich gesagt auch logisch und lässt sich bei genauerer Überlegung auch auf mich übertragen...also nicht das mit den Depressionen :D sondern retrospektive Erinnerungen, positive Erlebnisse, die mir sofort im Hier und Jetzt eingutes Gefühl und innere Stärke geben. Darf man den fragen, was du da Interessantes studierst?

  • #11

    Kata (Montag, 28 Dezember 2015 15:08)

    Ich habe Psychologie studiert und einen Master im Schwerpunkt Neurowissenschaften gemacht. Ich schreibe gerade meine Doktorarbeit über Faktoren, die den Verlauf von depressiven Erkrankungen beeinflussen (Gen-Umwelt-Interaktionen, Neuronale Reaktionen auf emotionale Reize). Und das Gedächtnis hat mich immer ganz besonders interessiert. Wir Menschen sind schon ganz besonders interessante Wesen :D